Die Pestizide/Insektizide der Gruppe Neonikotinoid

In der GEO Ausgabe 03/2017 habe ich einen Artikel über Neonikotinoide gelesen, der mich traurig und sprachlos gemacht habe. Ich möchte ihn gern für Euch zusammenfassen, da ich denke, dass hier an Fakten klar belegt wird, dass etwas absolut schief läuft.

Was sind Neonikotinoide?

Synthetisch hergestellte Nervengifte, die in der Landwirtschaft eingesetzt werden, um Schädlinge zu töten.

Wie werden diese eingesetzt?

Neonikotinoide werden in über 120 Ländern eingesetzt. Sie können „klassisch“ auf die Pflanze gespritzt oder in den Boden eingebracht werden. Oft werden sie bereits als Ummantelung für Saatgut verwendet, so dass die Pflanze den Stoff von Beginn an überall aufnimmt (Stamm, Blätter, Blüten, Pollen, Nektar) was den Landwirten viel Arbeit spart, aber eben auch in das „Futter“ von Insekten gelangen läßt. Durch das Beizen des Saatguts werden nur etwa 5% des Wirkstoffs von der Pflanze aufgenommen, 95% gehen direkt in den Boden.

Wo liegt das Problem?

Das Gift tötet natürlich nicht gezielt wenige Schädlinge, sondern viele Insektenarten, die damit in Berührung kommen. Und damit „in Berührung kommen“ beschränkt sich nicht einmal auf die behandelten Felder, denn erstens bauen sich diese Stoffe sehr langsam ab (Halbwärtszeit um 1000 Tage), zweitens sind sie wasserlöslich. Beides zusammen sorgt dafür, dass sich Neonikotinoide im Boden über die Jahre hinweg anreichern. Über das Wasser gelangen sie auch in die weitere Umgebung. Teilweise liegt der Neonikotinoid-Gehalt von Pollen bei Wildblumen, die auf Ackerrändern wachsen, höher als in den behandelten Kulturpflanzen. Der Stoff ist also sehr mobil, beispielsweise auch indem Insekten andere Insekten fressen, welche kontaminierte Pflanzen gefressen haben.

Was bewirkt das?

Das Problem des Sterbens der Honigbienen ist heutzutage vielen Menschen bekannt. Überall sterben große Anteile der Völker. In China beispielsweise werden Obstbäume bereits von Menschen mit Pinseln bestäubt. Weniger bekannt ist, dass auch alle anderen Insektenarten dramatisch weniger werden, obwohl diese etwa 70% der Bestäubungsarbeit leisten (Honigbienen 30%).
Krefelder Entomologen (Insektenkundler) haben anhand von Insektenfallen den Bestand innerhalb der letzten zwei Jahrzehnten dokumentiert. An verschiedenen Standorten im Rheinland wurden Verluste von 70-90 Prozent (!) festgestellt. Die Testgebiete sind „feuchte Wiesen, Kiesgruben, Waldsäume, […] vor allem geschützte Gebiete, optisch top in Schuss, in denen es sonst von Insekten wimmelte“. In den Isarauen wurden nur noch 14 Wildbienenarten gefunden, vor 10 Jahren ware es noch 58. Im Leipziger Auenwald verschwanden die Hälfte der Bienen- und Wespenarten, und zwei Drittel der Individuen. Sogar in einem weiträumig abgesperrten Nistgebiet in Baden-Württemberg haben sich die Hälfte der Nester von Mörtelbienen halbiert, viele der verbliebenen sind inaktiv.
Verlängert man die Bestandskurven bis ins Jahr 2020, landet man bei Null, d.h. das Problem muss also extrem kurzfristig angegangen werden.

Liegt das wirklich an diesem Mittel?

Die GEO liefert einige beeindruckende Beispiele, warum davon auszugehen ist.
Bei gängigen Tests liegt die letale Dosis LD50 (=bei welcher Menge des Gifts sterben die Hälfte der Honigbienen nach 1 bzw. 2 Tagen) zwar unter dem Grenzwert, aber diese Tests (die von Experten auch gern als „Wegschautests“ bezeichnet werden) sind völlig ungeeignet, um die Langzeitauswirkungen zu untersuchen. Die Arbeit eines Neurobiologen zeigt beispielsweise, dass Bienen durch die Aufnahme von Neonikotinoiden die Orientierung verlieren, ihr Volk nicht mehr finden und bis zur völligen Erschöpfung umherirren. Das führt zwangsläufig zum Tod der Biene und dem Nicht-Funktionieren der Staates, aber der Test gilt eben trotzdem als bestanden.
Außerdem liegt der Fokus solcher Tests immer auf Honigbienen, obwohl sich die Beweise mehren, dass zahlreiche Insekten sogar noch weitaus empfindlicher auf die Substanzen reagieren (Hummeln bilden weniger Königinnen aus, Solitärbienen legen keine Nester mehr an, Erzwespen finden nicht zur Paarung zusammen). Auffällig ist, wie der Rückgang der Insekten zeitlich mit den Absatzzahlen von Neonikotinoiden zusammenhängen. 2007 stieg der Verkauf sprunghaft an (+154%).

Wer stellt sowas her und wie ist die wirtschaftliche Lage?

Der größte Hersteller ist die Bayer AG. Mit ihrem Mittel Imidacloprid dürften sie inzwischen etwa eine Milliarde Euro pro Jahr umsetzen. Bei diesen Gewinnen kann man sich leicht vorstellen, wie wichtig Bayer das Fortbestehen der Zulassungsgenehmigung des Stoffs ist. Lobbyisten der Agrarindustrie argumentieren daher, dass Pestizide nur ein Teilchen unter vielen im Puzzle des Insektenrückgangs sind (weitere wären z.B. extreme Wetterereignisse, Klimawandel, Verlust von Lebensraum, viel Stickstoff). Wissenschaftliche Erkenntnisse deuten darauf hin, dass der zusätzliche Stress aufgrund von Pestiziden auf die Insekten die Auswirkungen von Wein im folgenden Gleichnis haben: „Wenn ich abends zwei, drei Gläser Wein trinke, beeinträchtigt mich das nicht in meinem Tun. Ich kann wunderbar auf dem Sofa liegen und fernsehen. Aber wenn ich mit der gleichen Menge Alkohol im Blut auf der Autobahn unterwegs bin, kann das schnell tödlich enden.

Wer prüft das?

Zuständig für die Genehmigung von Wirkstoffen ist auf EU-Ebene die europäische Kommision, welche auf Erkenntnissen der EFSA (Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit) basieren.
Während der Zulassungsprüfung von Imidacloprid zeigt eine Studie von Feldern, die 6 Jahre lang behandelt wurden, steil kletternde Kurven der Wirkstoff-Menge im Boden. Absurderweise urteilte die prüfende Behörde über den Stoff: „Hat nicht das Potenzial, sich im Boden anzureichern.“
Die GEO zitiert vielsagend dazu den britischen Hummelforscher Dave Goulson: „Inkompetenz oder Korruption? Das Urteil überlasse ich ihnen“. Klar ist: angesichts dieser Studie hätten bei den Prüfern alle Alarmglocken läuten sollen, weil sie den Effekt aus der Vergangenheit kennen. Bei fast allen Substanzen, die erst zugelassen und später verboten wurden (z.B. DDT, das heutzutage in Verbindung mit diversen Krankheiten steht, u.A. Krebs) war nicht allein ihre Giftigkeit das Problem, sondern ihr Verbleib in der Natur. Der Leiter des Fachgebietes Pflanzenschutz im Umweltbundesamt, Jörn Wogram, urteilt, dass das gesamte System der Insektizide schon lange nicht mehr nachhaltig ist: „Innerhalb dieses Systems können wir zwar die Spreu vom Weizen trennen, aber um Nachhaltigkeit zu erreichen, müssen wir den Pestizideinsatz insgesamt reduzieren“. Völlig klar in diesem Bild: Neonikotinoide sind eindeutig Spreu. Ein Öko-Toxikologe des Umweltforschungszentrum in Leipzig (UFZ) sagt: „Die Zulassungsbehörden machen gravierende Fehler“. Risiken werden jedesmal stark unterschätzt.

Wie geht es weiter?

Derzeit prüft die EFSA zum wiederholten Mal (!), ob Neonikotinoide eine Gefahr für Bienen darstellen (nicht für andere Insekten, die 70% der Bestäubungsarbeit leisten). Selbst wenn die Stoffe bald verboten werden ist klar, dass die Behörde offensichtlich nicht in der Lage ist, Gefahren zu erkennen. Sie hinkt in ihren Erkenntnissen der Forschung hinterher, oder hat andere Gründe, um wegzusehen.
Im Übrigen steht vielleicht bereits das nächste Mittel kurz vor der Genehmigung: Sulfoxaflor, das im Verdacht steht, hochgiftig für Bienen zu sein.

Vielen Dank hier schon einmal für die großartige Recherche an die GEO-Redakteure. Ich hoffe es ist in Eurem Sinne, dass ich versuche, solch wichtige Informationen weiter zu verbreiten.

Der Rest der folgt sind meine eigenen Gedanken:

Das eine Zulassungsbehörde Fehler macht, ist das eine. Bei statistisch unabhängigen Fehlern wäre zu erwarten, dass diese mal in die eine, mal in die andere Richtung ausfallen. Bei allen vergleichbaren Themen ist aber vor allem auffällig, dass Fehler „zufällig“ immer nur zu Gunsten der Wirtschaft zu passieren scheinen…

Das Problem der Neonikotinoide ist schlimm und muss schnellstmöglich angegangen werden. Das grundlegendere Problem scheint jedoch Korruption / Lobbyarbeit bei jeglichen Behörden zu sein, die über die Zulassung von Stoffen entscheidet, mit denen Großkonzerne viel Geld verdienen wollen, obwohl offensichtliche Gründe gegen eine Nutzung sprechen.
Insbesondere bei der Pharmaindustrie ist es das exakt gleiche Prinzip (siehe Präparate wie Contergan, Lipobay, Avandia, Edronax, Vioxx, Tamiflu, Bextra, Pradaxa, Xarelto, Sortis, Zocor, Reductil, Alimix).

Meiner Meinung nach müsste man genau hier ansetzen, bei der offensichtlichen Unfähigkeit von Behörden, über die Zulassung von Wirkstoffen zu entscheiden.

Auf zwei Links zu Petitionen gegen Neonikotinoide möchte ich noch hinweisen:

https://www.avaaz.org/de/bayer_save_the_bees/
https://secure.avaaz.org/campaign/de/save_the_bees_canada_loc/

Love & Peace,
Mr. FriedeFreude

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s